Die CI (Cockpit & Innenraum GmbH) ist Systemlieferant von Instrumententafeln für die Automobilindustrie. Von der SAG (Sportwagen AG) hat CI den Auftrag zur Entwicklung der kompletten Instrumententafel für ein neues geländegängiges Sport-Cabrio erhalten. Wegen der strategischen Wichtigkeit der Entwicklung hat die SAG bei CI einen Firmenvertreter installiert, der zwei bis drei Tage pro Woche bei der CI vor Ort tätig ist.

Nach etwa der Hälfte der Projektlaufzeit kommt es zu Verzögerungen, die möglicherweise die mit dem Kunden vereinbarten Meilensteintermine und den Endtermin des Projektes in Mitleidenschaft ziehen könnten. Der CI-Projektleiter sieht die Sache allerdings als nicht besonders gravierend an und will die Verzögerungen durch beschleunigte Bearbeitung (Überstunden) einiger Arbeitspakete auf dem kritischen Weg bereinigen. Eine Information und Einschaltung des oberen Managements hält er nicht für erforderlich.

Der SAG-Vertreter ist demgegenüber sehr beunruhigt. Er hält eine sehr viel stärkere Parallelbearbeitung der Arbeitspakete mit zusätzlichen Mitarbeitern für dringend erforderlich an. Außerdem fordert er den Austausch einiger aus seiner Sicht unqualifizierter Teammitglieder durch bessere Mitarbeiter.

Da es zwischen den Beiden nicht zu einer Einigung kommt, meldet der SAG-Vertreter, dass das Projektmanagement bei CI von diesem Projekt überfordert sei und das Projekt bei CI auch nur unzureichend vom Top-Management unterstützt würde. Außerdem beginnt er, den CI-Mitarbeitern unter Umgehung des Projektleiters direkte Anweisungen zu geben und bei der CI-Personalabteilung einen Mitarbeiteraustausch anzufordern.

In einer Besprechung mit dem Projektteam kommt es daraufhin zwischen Projektleiter und Firmenvertreter zu einem offenen, massiven Streit.

Fragen (Bitte jeweils mit kurzer Begründung/Erläuterung antworten):

  1. Wie hätte der CI-Projektleiter reagieren sollen, als er bemerkte, dass die unterschiedlichen Auffassungen nicht „auf dem kleinen Dienstweg“ beigelegt werden können?
  2. War die Information des SAG-Vertreters an seine Zentrale richtig?
  3. Ist es in Ordnung, dass der SAG-Vertreter den CI-Mitarbeitern direkte Anweisungen gibt?
  4. Sollte CI den vom SAG-Vertreter angeforderten Mitarbeiteraustausch vornehmen?

Lösungshinweise

  1. Wie hätte der CI-Projektleiter reagieren sollen, als er bemerkte, dass die unterschiedlichen Auffassungen nicht „auf dem kleinen Dienstweg“ beigelegt werden können?
    • Da er mit dem Kundenvertreter unterschiedlicher Auffassung war und es dabei nicht zu einer Einigung kam, hätte er das Problem an seine Vorgestzten und die Geschäftsführung oder einen Lenkungsausschuss eskalieren müssen.
    • Darauf aufbauend wäre eine gemeinsame Sitzung von CI-Geschäftsführung bzw. CI-Lenkungsausschuss, CI-Projektleiter und SAG-Firmenvertreter erforderlich gewesen, in der die Argumente des SAG-Vertreters diskutiert und geprüft und ggf. noch weitere Alternativen durch die GF mit ins Spiel gebracht hätten werden können.
    • Außerdem wäre es wichtig gewesen, eine Information an die Zentrale des Kunden vorzubereiten (natürlich mit vorheriger Information des SAG-Vertreters), in der über das aufgetretene Problem und die ergriffenen Maßnahmen berichtet wird. So hätte man dem Kunden zeigen können, dass man seinen Auftrag ernst nimmt und damit zusammenhängende Probleme im Griff hat.
    • Das Verhalten des CI-Projektleiters war in dieser Beziehung nicht professionell und hat damit wesentlich zur weiteren Verschärfung des Konflikts beigetragen.
    • Gerade bei einem eher schwachen und zu Überreaktionen neigenden SAG-Vertreter (was sicherlich schon früher erkennbar war) wäre dies sehr wichtig gewesen.
  2. War die Information des SAG-Vertreters an seine Zentrale richtig?
    • Der SAG-Vertreter war von seiner Zentrale neben Koordinationsaufgaben sicherlich auch als "Aufpasser" bei einem strategisch wichtigen Projekt installiert worden. Daher war es seine unbedingte Pflicht, die Zentrale über die aufgetretenen Verzögerungen und die eingeleiteten Schritte zu informieren, einschließlich einer Beurteilung und Empfehlung aus seiner Sicht.
    • Allerdings schiesst er bei der Art und Weise, wie er mit seiner Information das Unternehmen CI und dessen Projektleiter abqualifiziert, deutlich über das Ziel hinaus. Die Mitteilung an die Zentrale ist einseitig negativ und berücksichtigt nicht, dass CI die aufgetretene Verzögerung und das daraus entstehende Terminrisiko erkannt und zumindest erste Schritte (Überstunden) eingeleitet hat. Es besteht lediglich Uneinigkeit , ob diese Maßnahmen ausreichend sind.
    • Die Schärfe der Information an die Zentrale erklärt sich wahrscheinlich daraus, dass seine Vorschläge beim CI-Projektleiter nicht sachgerecht behandelt wurden und der CI-Projektleiter ihn als "Kunden" nicht adäquat behandelt hat.
    • Allerdings hätte der SAG-Vertreter vor einer solch scharfen Information an seine Zentrale zunächst bei der CI-Geschäftsführung aktiv werden müssen, was er aber genau so wie der CI-Projektleiter nicht getan hat.
  3. Ist es in Ordnung, dass der SAG-Vertreter den CI-Mitarbeitern direkte Anweisungen gibt?
    • Da der SAG-Vertreter nicht mit einer vertraglichen Weisungsgefugnis ausgestattet war, war dies ganz und gar nicht in Ordnung und eine nicht gerechtfertigte Überreaktion.
    • Hierdurch wurde zum einen die CI-Mitarbeiter verunsichert, was sie denn genau tun sollen, und der Konflikt in das Team hinein verlagert.
    • Zum anderen wurde damit die Autorität des CI-Projektleiters in seinem eigenen Unternehmen geschwächt, was die Durchsetzung der eingeleiteten Gegenmaßnahmen (Überstunden) gefährden könnte.
    • Falls es im Laufe des Projekts zu weiteren Terminproblemen und zu Mehrkosten kommt, könnte CI dies auf die unqualifizierte Einmischung des SAG-Vertreters zurück führen und eine Haftung für Schäden gegenüber SAG mit dieser Begründung ablehnen.
    • Dem SAG-Vertreter hätten außerdem auch bessere Mechanismen zur Verfügung gestanden: Eskalation an seine eigene Zentrale und Intervention seiner Zentrale bei der CI-Geschäftsführung.
  4. Sollte CI den vom SAG-Vertreter angeforderten Mitarbeiteraustausch vornehmen?
    • Bei dieser Frage geht es nicht darum, wer entscheidungsbefugt ist (das liegt natürlich in der Geschäftsgewalt von CI) sondern um eine Diskussion und Abwägung, was für und was gegen einen Mitarbeiteraustausch spricht.
    • Dafür spricht:
      • Die Zukunft der Geschäftsbeziehung: CI möchte SAG als Kunden behalten und sollte deshalb die Argumente seines Firmenvertreters ernsthaft prüfen und ihnen im Zweifelsfall entgegen kommen.
      • Da es zu Verzögerungen gekommen ist, könnten einige CI-Mitarbeiter wirklich nicht qualifiziert genug sein.
      • Es ist noch mit mindestens einem Jahr Restlaufzeit zu rechnen: Die Verzögerungen sind bisher erst im gelben, noch nicht im roten Bereich. In dieser Situation kann ein Mitarbeiteraustauch noch deutliche Verbesserungen bringen. Je länger man mit dieser Maßnahme wartet, desto weniger bringt sie und desto schlimmer könnten die Terminprobleme werden.
    • Dagegen spricht:
      • CI muss darauf achten, dass seine Geschäftshoheit nicht angetastet wird.
      • Überstunden wirken sehr viel schneller als ein Mitarbeiteraustausch.
    • Fazit: Um ein Zeichen sowohl zum Kunden hin als auch nach innen hin zu setzen, sollte CI den Austausch besonders schwacher (aber nicht aller schwacher) Teammitglieder in Erwägung ziehen.
Zuletzt geändert am 12. Mai 2008

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